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12.03.1999

Mit dem Krebs leben lernen
Pflegepersonal oft erster Ansprechpartner für Tumorpatienten

Heidelberg (AP) «Mittlerweile hat Lina ihre Beinprothese akzeptiert, und sie war jetzt sogar beim Beinamputierten-Skifahren», erzählt Barbara Hansen, Mutter der 13jährigen Schülerin. Das Mädchen litt im Kniegelenk an einem Osteosarkom, einer lebensbedrohlichen Knochenkrebserkrankung. Nach der Amputation ist Lina nun seit einem Jahr tumorfrei. Der Therapieerfolg hing nach den Worten der Mutter jedoch nicht nur vom Heilungsprozeß allein ab. Eine wesentliche Stütze bei der Bewältigung der Krankheit war das Pflegepersonal der Kinderkrebsstation in der Heidelberger Uniklinik.

Wie wichtig eine angemessene Betreuung für einen Krebspatienten ist, unterstreicht Stefan Zettl, Psychologe in der Psychosozialen Nachsorgeeinrichtung am Heidelberger Uniklinikum. Amputationen, Schmerzen oder auch Haarausfall nach einer Chemotherapie belasten die Patienten in der Regel psychisch sehr stark und schränken damit auch deren Lebensqualität ein. Die Krankenkassen zahlen zwar bei Haarausfall für eine Perücke. Doch die Angst vor dem Verlust der Haare ist damit noch nicht genommen, wie Zettl betont. Selbst bei einer Heilung vom Tumor können die Krankheitsfolgen noch Jahre andauern.

So kann das Sexualleben nach einer Krebserkrankung über Jahre beeinträchtigt sein. Laut Zettl befürchten Männer oft, «nicht mehr ihren Mann stehen» zu können. Frauen wiederum litten vor allem unter dem vermeintlichen Verlust ihrer Schönheit. So könne beispielsweise eine amputierte Brust zu der Angst führen, für den Partner nicht mehr attraktiv zu sein. Auf den Austausch von Zärtlichkeiten werde dann verzichtet.

Das Pflegepersonal ist deshalb bestrebt, den Patienten zu ermutigen, über seine Krankheit zu reden. Denn oft herrscht bei den Patienten die Vorstellung, niemandem mit ihren Sorgen zur Last fallen zu dürfen. «Die meisten Tumorpatienten können mit ihrer Krankheit besser umgehen und sie bewältigen, wenn sie darüber sprechen», sagt Burkhard Lebert, Fachweiterbildungsleiter für die Pflege von Tumorpatienten und Schwerst-Chronisch-Kranken am Heidelberger Uniklinikum.

Diese Erfahrung machten auch Lina und ihre Mutter. «Wir hatten immer das Gefühl, jederzeit mit unseren Sorgen und Nöten zu den Schwestern und Pflegern kommen zu können&», bestätigt Barbara Hansen. Die Kinderkrebsstation mit ihren Pflegekräften sei für Lina zur zweiten Heimat geworden. «Das hat mich auch als Mutter sehr entlastet.» Das rein medizinisch Notwendige allein habe dort nicht automatisch im Vordergrund gestanden.

Personalabbau bedroht angemessene Pflege

Diese Art der Pflege scheint jedoch keine Selbstverständlichkeit zu sein. Ein immer knapper werdender Personalschlüssel erschwert es den Pflegekräften zunehmend, auf die Kranken mit ihren Ängsten und Belastungen einzugehen. «Ärzte und Pflegepersonal stehen unter dem wirtschaftlichen Druck, Patienten so schnell wie möglich zu entlassen», beklagt Silke Auer, Krankenschwester in der onkologischen Abteilung der Heidelberger Chirurgie. Diese «Fließbandarbeit» verhindere jedoch, den Patienten angemessen psychisch zu begleiten.

Dies bestätigt auch Professor Michael Wannenmacher, Ärztlicher Direktor der Radiologischen Uniklinik in Heidelberg: «Es ist eine Ausnahme, daß Ärzte oder Pflegepersonal mal 15 Minuten Zeit haben, sich mit dem Tumorpatienten zu unterhalten». Die Pflegesituation verschärfe sich zudem mit dem neuen ÖTV-Tarifvertrag, da die Krankenkassen die Tariferhöhung nicht im vollen Umfang mittragen. «Allein in Baden-Württemberg sind 1.000 Pflegestellen in den Kliniken bedroht», sagt Wannenmacher.

Die knappe Personalausstattung führt dazu, daß auch Ärzte psychische Probleme schlechter erkennen können, wie Zettl bestätigt. «Mehr als die Hälfte aller Tumorpatienten entwickeln mindestens einmal eine depressive Episode, die behandelt werden müßte», betont der Psychologe. Untersuchungen zufolge erkenne jedoch nur jeder dritte Stationsarzt die Depression.

Wenig Zeit haben die Mediziner auch für das onkologische Aufklärungsgespräch. So veranschlagen die Krankenkassen nach Angaben von Wannenmacher nur acht Minuten für das Gespräch. «Aber wie komme ich mit acht Minuten hin, wenn der Patient von der Diagnose 'Krebs' erfährt und in Tränen ausbricht?»

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