Erlebt
 

Brigitte Berief-Schwarz
Die Chancen waren gering

Brigitte Berief-Schwarz

Es war ein schöner Ferientag: Mein Verlobter Christian und ich saßen auf einer Caféterrasse hoch über dem Rhein. Die Sonne schien warm, das Bier war kühl, wir hatten Zeit füreinander, das Leben war wunderbar. Da fiel Christians Blick auf einen schwarzen Fleck, der sich bisher immer unter meiner Armbanduhr versteckt hatte.
"Was hast Du denn da auf Deinem Arm?"
"Ach, das habe ich schon länger. Komisch, in letzter Zeit scheint der Fleck zu wachsen."
Erst als ich diesen Satz ausgesprochen hatte, wurde mir bewußt, was ich da gesagt hatte.

Es ging alles sehr schnell
Ich bin ausgebildete Kinderkrankenschwester und arbeitete zu dem Zeitpunkt in einem Krankenhaus in Herne. Deshalb wußte ich ganz genau, welche Bedeutung dieser Fleck für mein Leben haben könnte. Gleich am nächsten Arbeitstag bin ich dann zum Hautarzt gegangen, und von da an ging alles sehr schnell. Schon zwei Tage später lag ich auf dem Operationstisch der Essener Universitätsklinik - mit einer Krankheit, die im Volksmund als "Schwarzer Hautkrebs" bekannt ist.
Ich beobachtete mich selbst, wie die Tränen mein Gesicht herunterliefen. Sechs Wochen sollte ich im Krankenhaus bleiben. Die Chancen - so sagten mir die Ärzte sachlich - standen 70 zu 30, nach der Operation länger als fünf Jahre zu leben. Außerdem würde ich eine handtellergroße Narbe auf dem Unterarm zurückbehalten.
Die Operation wurde unter örtlicher Betäubung durchgeführt. Doch damit war noch längst nicht alles vorbei. Die schlimmste Phase sollte erst noch kommen: In den folgenden Wochen mußte jeden Morgen der Verband mitsamt der sich neu bildenden Hautpartikeln heruntergerissen werden, um die Wunde bis zur Transplantation nach vier Wochen künstlich offenzuhalten. Das waren entsetzliche Schmerzen. Wenn ich heute darüber nachdenke, wovor ich damals vor allem Angst hatte, dann war es genau diese tägliche Prozedur. Erst an zweiter Stelle kam die Angst vor Metastasen, vor einer Ausbreitung der Krankheit auf den ganzen Körper, wie ich es bei zwei meiner Bettnachbarinnen erlebte. Und deshalb brauchte ich jemanden zum Reden, jemanden, der meine Fragen ernst nehmen und meine Angst aushalten konnte.

Die Besuche machten mich einsam
Ich bekam sehr viel Besuch - und damit auch viele gutgemeinte Ratschläge und Trostversuche. Man sagte mir:
"Du wirst schon wieder gesund, Brigitte."
Oder:
"Ich kannte mal jemanden, der hatte das gleiche. Und der lebt immer noch!"
Die Krankenhaus-Seelsorgerin kam an mein Bett und erzählte von ihren Problemen. Sie schloß ihre Ausführungen mit der Bemerkung: "Sie sehen, Gesundheit ist nicht alles." Das hatte ich auch nie geglaubt! Diese Besuche machten mich erst richtig einsam. Ich entschloß mich deshalb, ganz bewußt in die Offensive zu gehen und Themen anzusprechen, die mich interessierten, von denen ich aber spürte, daß niemand sie freiwillig aufgreifen würde. "Wenn Du in meiner Lage wärst, wie vielen Operationen würdest Du zustimmen? Ab wann darf ich aufgeben und mich auf meinen Tod freuen? Was hältst Du von Organspenden? Möchtest Du unsterblich sein?"

"Hast Du denn gar keine Hofnung?"
Die meisten Besucher waren mit ihren Antworten auf meine Fragen sehr schnell bei der Hand. Sie spiegelten oft ihre eigene Situation wider, die unbedroht erschien. Nur wenige hatten die Kraft, sich wirklich auf meine Angst einzulassen. Von daher waren die Ratschläge leider nur wenig hilfreich:
"Denk doch jetzt nicht darüber nach - Du brauchst doch alle Kraft, um gesund zu werden. Hast Du denn gar keine Hoffnung?"
Doch, ich hatte Hoffnung. Und trotzdem war ich an einem Punkt in meinem Leben angekommen, an dem ich alle meine Überzeugungen in Frage stellte.

Ein Gott, der Böses in Gutes verwandeln kann
Ich habe in dieser Zeit die Gegenwart Gottes besonders intensiv gespürt, wie selten zuvor in meinem Leben. Deshalb habe ich auch viele Stunden im Gebet verbracht. Ich wußte, daß Krankheit keine Strafe Gottes ist, und wollte herausbekommen, was er mir mit dieser Krankheit beibringen wollte. Schon viel früher hatte ich erfahren, daß wir einen Gott haben, der nicht automatisch Schlimmes verhindert, aber Böses in Gutes verwandeln kann. Ich habe in der Klinik angefangen, ein Tagebuch zu schreiben. Wenn ich mir heute meine Aufzeichnungen anschaue, dann stoße ich vor allem auf zwei  Grundentscheidungen, die ich damals getroffen habe und die mein Leben bis heute bestimmen.

Ungelebtes Leben
Erstens: Ich wußte aus meiner Beschäftigung mit der Literatur zum Thema Krebs, daß diese Krankheit in vielen, wenn nicht gar den meisten Fällen etwas mit "ungelebtem Leben" zu tun hat. Nun entdeckte ich plötzlich - und diese Entdeckung war für mich ein regelrechter Schock: Diese "Diagnose" traf auch auf mich zu.
In meiner Arbeit als Krankenhaus-Seelsorgerin hatte es sich eingespielt, daß die Wünsche der Patienten zu meinen eigenen geworden waren, daß ich kaum noch unterscheiden konnte zwischen Beruf und Privatleben; und auch in der Beziehung zu meinem "Langzeit-Verlobten" Christian wiederholte sich dieses Muster: Statt hier die Verantwortung für mein Leben zu übernehmen und das, was ich an unserer Beziehung damals als unbefriedigend empfand, offensiv anzugehen, hatte ich mich auch hier in die Rolle eines Menschen begeben, der passiv darauf wartete, was wohl der Mann im Blick auf die Beziehung vorhatte.
Noch im Krankenhaus entschloß ich mich, an dieser Stelle ehrlicher zu leben.

Mit allen fünf Sinnen genießen
Zweitens: Das Wissen um den Tod hat mir mein Leben wertvoller gemacht. Da ich weiß, daß ich nicht unendlich viel Zeit habe, lebe ich heute viel intensiver als vorher. Ich habe damals im Krankenhaus die bewußte Entscheidung getroffen, von nun an jeden Augenblick meines Lebens mit allen fünf Sinnen zu genießen. Gleichzeitig habe ich mit einer Einstellung gebrochen, die ich heute als das "Wenn-dann-Syndrom" bezeichne: "Wenn Du alle Patienten, die einen Besuch wünschen, auch besucht hast - dann darfst Du ohne schlechtes Gewissen Feierabend machen." Oder: "Wenn Christian erst einmal dieses oder jenes Projekt abgeschlossen haben wird - dann können wir auch an unserer Beziehung arbeiten." In meinen Tagebuchaufzeichnungen eliminierte ich bewußt die Redewendung "wenn-dann" - und ersetzte sie durch die Worte "heute" und "jetzt".

Radikale Offenheit
Mittlerweile liegt der Ausbruch meiner Krankheit acht Jahre zurück. In dieser Zeit hat sich in meinem Leben eine Menge getan: Ich bin verheiratet - und das tatsächlich mit meinem "Langzeit-Verlobten" Christian. Wir spüren, wie positiv sich die damalige Entscheidung auf unsere gemeinsame Beziehung auswirkt, Interessen auszusprechen, Probleme anzupacken und Konflikte durchzustehen. Wir merken, daß diese Art miteinander umzugehen, "urgesund" ist. Denn je mehr wir es wirklich schaffen, uns auf diese radikale Offenheit einzulassen, desto stärker erleben wir, wie interessant wir als Partner füreinander sind. Außerdem haben wir zwei gesunde Kinder: Jonas und Simon.

Ja zum Wagnis
Die Entscheidung für sie war ein wirkliches Wagnis für mich und meine Gesundheit. Die Ärzte hatten uns darauf hingewiesen, daß Schwangerschaftshormone das Wachstum eines Tumors begünstigen können.
Trotzdem entschlossen wir uns, mit diesem Risiko zu leben. Wir haben uns klar gemacht, daß mir im schlimmsten Fall nur wenig Zeit verbleibt, die ich als Mutter mit den Kindern verbringen kann. Wir spielten auch die Möglichkeit gedanklich durch, sagten gemeinsam Ja dazu, und legten alles weitere in Gottes Hand. Deshalb freuen wir uns ganz besonders über Jonas und Simon und daß meine Gesundheit bis heute stabil geblieben ist.

Das tun, was mir wichtig ist
Auch mein berufliches Umfeld hat sich seit der Zeit damals stark verändert. Ich leite heute einen Verlag.
Ich habe mich für einen Beruf entschieden, in dem verschiedene Komponenten, die mir wichtig geworden sind, zusammenkommen. Meine Tätigkeit läßt sich relativ gut mit der Kindererziehung vereinbaren, da ich in aller Regel zu Hause arbeiten und mir meine Zeit frei einteilen kann; beruflich gibt es eine Fülle von Berührungspunkten zu der Arbeit meines Mannes; und nicht zuletzt: Dieser Beruf gibt mir großen Gestaltungsspielraum und die Möglichkeit, die Gedanken, die mir wichtig sind, mit den uns zur Verfügung stehenden Mitteln zu verbreiten.

Alle möglichen Fälle durchspielen
Seit meiner Krankheit ist der Tod für uns als Ehepaar kein Tabuthema mehr. Mindestens einmal im Jahr - zum Beispiel zur Jahreswende oder vor einer Operation - sprechen Christian und ich ausführlich über den Tod. Wir haben uns zur Angewohnheit gemacht, alle möglichen Fälle durchzuspielen und uns zu fragen: Angenommen, ich würde jetzt sterben: Was passiert dann mit den Kindern? Wie kannst Du in einem solchen Fall Deine Arbeit mit der Kindererziehung vereinbaren, wer könnte Dir helfen? Wer könnte an meiner Stelle die Verlagsarbeit übernehmen? Wie wird es finanziell aussehen? Kannst Du Dir vorstellen, wieder zu heiraten? Solltest Du Dich nicht dringend darum bemühen, der Kinder wegen - und auch um Deiner selbst willen? Möchte ich meine Organe spenden? Möchte ich Christian etwas Wichtiges sagen, was ich bisher vielleicht noch nicht so ausdrücklich formuliert habe? Möchte ich wiederbelebt werden, wenn ich klinisch tot bin? Dürfen die Kinder mich besuchen, wenn es mir sehr schlecht geht?

Angst vor dem Abschiednehmen
Diese Gespräche machen es mir leichter, mich auf das Sterben einzustellen. Ich kann mich darauf verlassen, daß ich nicht allein und hilflos bin, sondern auch im Krankenhaus in meinem Mann einen Anwalt habe, der für meine Interessen eintritt. Aus Erfahrung weiß ich, daß das in unserem modernen Klinikbetrieb bitter nötig ist. Ohne Zweifel war der Gedanke an das Sterben leichter, solange ich noch nicht verheiratet war und noch keine Kinder hatte. Ich trug nur für mich selbst die Verantwortung. Wenn ich heute über den Tod nachdenke, dann habe ich eigentlich nicht vor dem Sterben Angst, sondern vor dem Abschiednehmen von meiner jungen Familie. Die Verantwortung, die auf mir lastet, macht mir diesen Gedanken unendlich schwer.

Eine Zukunft ohne mich?
Nur unsere Umwelt, die Freunde und Bekannten können mit unserer Offenheit meist nichts anfangen. Wenn ich anderen von unseren regelmäßigen Gesprächen über den Tod erzähle, so ernte ich fast regelmäßig Entrüstung. Ich habe Schwierigkeiten, diese Reaktion zu verstehen, denn auch wenn ich nicht an dieser Krankheit sterbe, dann vielleicht schon morgen bei einem Verkehrsunfall. Ist der Tod mir wirklich soviel näher als anderen Menschen, mit denen ich zu tun habe - oder können sie ihn nur besser verdrängen als ich? Auf jeden Fall habe ich mich entschieden, den Tatsachen ins Auge zu blicken und für alle Fälle vorbereitet zu sein. Mir hat der Gedanke geholfen, Trauer als Brücke zwischen einer verlorenen Vergangenheit und einer noch nicht gefundenen Zukunft zu verstehen. Ich möchte meiner Familie helfen, sich heute schon auch eine Zukunft ohne mich vorzustellen. Wenn es, wie wir hoffen, anders kommen sollte - um so besser!

Kontakt:
Brigitte Berief-Schwarz
verlag@CundP.de

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