Erlebt
 

Bianka Bleier
Krebs ... Riss durch mein Leben

Bianka Bleier

8. Januar

Ich habe einen Knoten in der Schilddrüse, den ich mir entfernen lassen soll. Reine Vorsichtsmaßnahme.

17. Januar

"Wir mussten die ganze Schilddrüse entfernen", sagt der Arzt nach der OP. "Der Knoten war ein Karzinom. Wir müssen jetzt das Ergebnis der Pathologie abwarten. Danach besprechen wir das weitere Vorgehen, eventuell Entfernung von Lymphknoten und weiteren Zellherden, Radiojodtherapie."

KREBS! Als ich zitternd im Bett liege und nicht denken geschweige denn beten kann, ruft Lou an. "Ich habe da einen Bibelvers auf meinem Kalenderblatt, und frage mich, ob der vielleicht für dich ist. Aber er erscheint mir gar nicht angemessen." Ich sage: "Lou, mir geht es schlecht, ich habe Krebs!" Da liest sie aus dem Buch Jesaja (Altes Testament), Kapitel 35: "Stärkt die kraftlosen Hände! Lasst die zitternden Knie wieder fest werden! Sagt denen, die sich fürchten: Fasst neuen Mut! Habt keine Angst mehr, denn euer Gott ist bei euch. Gott selbst kommt, um euch zu helfen und euch zu befreien!" Darunter steht: "Hoffnung macht sich breit, wenn ich mich unter Tränen und Trauer dazu durchringe zu sagen: Gott ich versteh dich nicht, aber ich will dir vertrauen."

Ich bin fassungslos. Bevor ich in der Verzweiflung versinke, ist Gott da! Als Werner kommt, bringt er mir eine Karte von Jutta, auf der genau dieser Vers steht ...

Ich stehe an einem Scheidepunkt.

18. Januar

Ich trauere um meine Schilddrüse. Ich produziere keine Schilddrüsenhormone mehr und kein Kalzium. Beides werde ich lebenslang zuführen müssen. Wenn ich es nicht tue, sterbe ich. Seltsame, unheimliche neue Abhängigkeit.

Das Leben ist so unerträglich kurz. Die Begegnung mit dem Tod wird kommen. Ich bin froh darüber, dass ich an die Realität des Himmels glaube, und dass ich dort aufgenommen werde und es mir gut gehen wird – und voller Angst, dass der Weg so schwer ist. Gott ist da, aber ich ringe sehr mit ihm.

Freunde kommen und obwohl Tränen fließen, ist es arg hilfreich für mich. Werner kommt mit den Kindern.

20. Januar

Die Visite heute mit dem Klinikchef: "Wie groß war der Knoten?". Anderthalb Zentimeter. "Und der Schilddrüsenlappen?" Entfernt. Er sieht mir in die Augen und sagt: "Das ist überstanden!" Von mir fällt eine Last ab.

Heute bitte ich weitere Freunde, für mich zu beten. Die Gespräche sind lebensnotwendig für mich. Ich brauche Hilfe in meinem Kampf gegen die täglich aufwallende Angst.

21. Januar

Ab und zu kommen mir grundsätzliche Zweifel, ob mein Glaube ein großer Irrtum ist, ob es diesen unsichtbaren Schöpfer wirklich gibt, der sich für mich interessiert und der eingreift in meine Geschichte – aber unterm Strich sagt meine Erfahrung klar ja. Am Anfang war das Wort, und Gott war das Wort (Johannesevangelium, Kapitel 1, Vers 1) - jeder Tag hier ist geprägt durch Gottes Wesenheit, Wort zu sein. Das Medium, das für mich als Autorin wie kein anderes meines ist, es erreicht mich durch Karten, Briefe, Telefonate, Bibelverse – Gott spricht in meiner Sprache zu mir und erreicht mich damit ganzheitlich, erschüttert immer wieder mein Herz. Das macht, dass ich mich nie allein fühle.

Es wird nie mehr sein wie es einmal war – aber es kann wieder gut werden. Ich beginne, den Ärzten zu vertrauen, ich lausche auf Gott und taste nach dem Weg und seiner Hand.

Der Befund ist da: Ein Karzinom von 1,5 cm Durchmesser, mit der Entfernung der Schilddrüse aus chirurgischer Sicht ausreichend behandelt.

23. Januar

Zuhause. Körperlich geht es mir täglich besser. Abends informiere ich mich stundenlang im Internet über meinen Tumor – und bekomme wieder Angst. Wieso sollte alles schon ausgestanden sein? Was, wenn die Lymphknoten befallen sind? Völlig erschöpft weine ich mich in Werners starken Armen in den Schlaf.

24. Januar

Ich sehne mich nach einem Arzt, dem ich mich die kommenden Jahre anvertrauen kann. Während ich in einem altmodischen Korridor im Keller der Radiologie warte, schrumpft mein Vertrauen gegen Null. Als der Arzt mich reinholt, jubelt er, welch ein Glück ich gehabt hätte. Er stuft den Tumor als endgültig behandelt ein und gibt vollständige Entwarnung! Geheilt! Keine Therapie. Keine weitere Untersuchung ... Nachdem ich dreimal irritiert nachgehakt habe, vertraue ich ihm. In mir schwillt stakkatoähnlich Händels Halleluja an.

Blumen will ich haben. Immer wieder will ich mir Blumen schenken. Tulpen vom Aldi. Rosen vom Lidl. Abends kommen Freunde und wir feiern ein Auferstehungsfest. Lachen, Weinen, Danken – das Leben hat mich wieder.

25. Januar

Den ganzen Morgen Jubel. Endlich kann ich mich so richtig fallen lassen. Mitten hinein ein Anruf vom Radiologen. "Ich habe einen Fehler gemacht, Frau Bleier. Ich habe mir Ihre Unterlagen in Ruhe noch einmal durchgelesen, hatte Zentimeter und Millimeter verwechselt. Ich dachte, Sie hätten ein Mikrokarzinom. Wir sollten nun doch die Therapie machen, es tut mir sehr leid!"

Ich stürze ab. Ich habe nur ein dünnes Fell über meiner Wunde.

Meine Tochter Anna hat beim Fensterputzen eine CD eingelegt. Ich konzentriere mich auf den Gesang. "Stärket die schlaffen Hände und befestiget die wankenden Knie! Saget zu denen, welche zaghaften Herzens sind: Seid stark, fürchtet euch nicht! Siehe, euer Gott kommt. Er selbst kommt und wird euch retten." Jesaja, Kapitel 35! Das sind dieselben Zeilen aus der Bibel, die mir Lou nach der Diagnose vorgelesen hatte! Wieder – noch bevor ich an Gott denke, wartet er schon im Wohnzimmer auf mich. Fassungslos weine ich, zutiefst getroffen von Gottes Barmherzigkeit und Lebendigkeit!

27. Januar

"Wenn ich mir ein Karzinom aussuchen müsste, dann würde ich mir genau Ihres aussuchen", sagt mein Internist. "Wenn Sie noch zwei Jahre gewartet hätten, wären vielleicht Metastasen da gewesen."

Ich denke immer "eigentlich bin ich glücklich" – aber ich fühle es nicht mehr. Dennoch ist Gott da, das ist eine Erfahrung. Er ist sehr treu und stark. Sehr real. Vielleicht ist die Abwesenheit von Panik ja schon Glück. Wie geht es mir also? Froh, daheim zu sein. Dankbar um alles, was ich habe und Angst, alles wieder hergeben zu müssen. Nähe zu Gott und unwahrscheinlichen Respekt vor ihm.

Wieder lebe ich auf einen Termin zu, auf die Radiojodtherapie. Ich fühle mich krank, mental noch mehr als körperlich. Werner baut mich immer wieder auf.

18. Februar

In der Abschlussuntersuchung checkt man mich nach restlichen Schilddrüsenzellen und Metastasen durch. Im Szintigramm werden 5 ml Schilddrüsenrestgewebe festgestellt, die durch eine hohe Strahlendosis vernichtet werden sollen. Fünf Tage "Isolationshaft" im Strahlenschutzbunker.

24. Februar

Wieder daheim. Die Therapie war anstrengend. Ich war wohl noch nie im Leben so krank wie jetzt. Ich lese den Beipackzettel des Medikamentes, von dem ab jetzt mein Überleben abhängt. Die Autarkie meines Lebens ist verloren gegangen. Aber: Hatte ich sie denn je? Hängt nicht seit jeher mein Leben von Gottes täglichem Willen ab?

7. März

Ich bin nicht mehr dieselbe. Eine Freundin meinte neulich ermunternd: "Wenn du erst einmal wieder hormonell eingestellt bist, wirst du schnell wieder Bianka sein." Das hat mich erschüttert. Bin ich jetzt nicht Bianka? Ist Bianka nur immer stark, fröhlich und leistungsfähig? Ich weiß, wie sie es gemeint hat, aber mir wird klar, welch ein Riss durch mein Leben gegangen ist, und dass ich verändert daraus hervorgehe.

Was tun? Ich bin versucht, noch intensiver leben zu wollen. Wo kann ich mein Leben entschleunigen? Soll ich einfach so weiter leben als wäre nichts geschehen? Ich habe Angst, in den alten Trott zu fallen. Wie geht das, für sich Sorge tragen? Wo Abstriche machen, wenn das Leben zu voll ist?

Hin und wieder gruselt mich der Abgrund, an dem ich stand. Dann wieder bin ich überwältigt davon, wie Gott mich geschützt hat durch die Umstände, wie der Tumor entdeckt und entfernt wurde.

Ich habe Wegweisendes mit Gott erlebt, aber es hat ziemlich weh getan. Und Mut gemacht. Und Angst. Und Glück. Oje ...

Kontakt:
Bianka Bleier

email: Bleier-Forst@t-online.de

Fotos und Beitrag gekürzt aus der Zeitschrift "Joyce – Frausein mit Vision", Nr. 3/2003, (c) Bundes-Verlag 2003, D-58452 Witten.

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