Erlebt
 

Familie Hauser
Evi, dein Tod brachte Hoffnung...

*1980  +1999

Aus Eva-Maria Hausers Tagebuch: 

25. November 1995
Es ist Freitagmorgen 9.30 Uhr, und ich sitze bei Frau Weidemann im Kunstunterricht und versuche vergebens, zum Thema Architektur was aufs Blatt zu kriegen. Doch vor meinem inneren Auge laufen nochmals die Highlights der letzten Monate ab:

Eine Woche 40° C Fieber in den Sommerferien, kurz danach die Trennung von meiner Teenieliebe, dieses Schwitzen in der Nacht, abends immer wieder erhöhte Temperatur, das letzte Wochenende im Elsass in der alten romantischen Villa Le Riesac ......

Das erste Klopfen an der Tür nehme ich, in meinen Gedanken versunken, kaum wahr. Doch plötzlich bin ich hellwach. Dieses zweite Klopfen gilt mir! Es hat mir etwas zu sagen. Ich spüre es. Langsam stehe ich auf, außer mir hat es niemand gehört. Ich öffne vorsichtig die Tür und mir wird im selben Moment bewusst: Es ist etwas geschehen und mein Leben wird sich ändern!

Ich hatte meine Eltern zuvor kaum einmal so gesehen: sie standen beide weinend und verzweifelt vor mir. Nach Sekunden fasste sich meine Mutter endlich ein Herz und sagte:

„Evi, du musst sofort ins Krankenhaus... mit Verdacht auf Leukämie!!“ Leukämie... Leukämie...Leukämie...hämmerte es in meinem Kopf. Leukämie diese Krankheit... ich?!... das kann nicht sein, nicht ich... das ist unmöglich (im Nachhinein weiß ich, dass dies Gedanken eines jeden Krebskranken sind, der mit seiner Diagnose konfrontiert wird). Plötzlich bricht es aus mir heraus: NEIN, NEIN!!! Doch die hohlen Wände des Korridors werfen mir nur ein leeres Echo zurück: NEIN, NEIN...

In der Zwischenzeit hat auch meine alte Kunstlehrerin mitgekriegt, was los war, und sie nahm mich in die Arme und meinte: „Ach Kindchen, du musst jetzt positiv denken und Du darfst das nicht glauben, lass` es nicht zu!“ Doch in meinem Innersten wusste ich, dass positives Denken keine Antwort für mich sein würde. Beim Verlassen des Schulgebäudes wurde ich durch ein Plakat wieder an das erinnert, was mir in meinem jungen 15-jährigen Leben bisher immer die Hoffnung und Hilfe war: 

            VON GUTEN MÄCHTEN TREU UND STILL UMGEBEN,

            ERWARTEN WIR GETROST, WAS KOMMEN MAG,

            GOTT IST MIT UNS AM ABEND UND AM MORGEN

            UND GANZ GEWISS AN JEDEM NEUEN TAG.“ 

Die Mutter Ute:

Mit dieser Diagnose hat sich unser ganzes Leben verändert.

Ich  war ständig bei Eva-Maria und das bedeutete, jeden Morgen nach Tübingen in die Klinik zu fahren und bis spät abends bei Evi zu sein. 

Freundschaftserweise

 

Dennoch möchte ich diese Zeit nicht missen, denn wir hatten intensive Gespräche und Gebetszeiten. Wir lernten sehr nette Kinder mit ihren Eltern kennen und konnten trotz derselben schwierigen Situation fröhliche und lustige Stunden erleben. 

Es verging kein Tag, an dem keine Besuche, Post, Päcken oder Blumen für Evi kamen, denn bevor sie krank wurde, war sie mit den „King’s Kids“ (einer internationalen christlichen Jugendorganisation) in Deutschland, Europa und auf den Philippinen unterwegs gewesen und hatte weltweit Freunde gefunden. Selbst ihre behandelnden Ärzte und Schwestern konnten sich an eine solche Anteilnahme bisher nicht erinnern. 

Ein tapferes Herz
 

Evis Herz schlug für Menschen am Rande der Gesellschaft. Am stärksten bewegt haben sie die Einsätze mit den „King’s Kids“ auf dem Müllberg in Cebu City (Philippinen).  

Was mich aber am meisten beeindruckte: Sie fragte nicht einmal, warum ausgerechnet sie krank wurde und nicht irgend jemand anders. Einer ihrer letzten Sätze war: „Mama, es ist alles richtig so, und ich habe ein tolles Leben gehabt.“ 

Geheilt – dann der Rückfall

 

Evi musste anderthalb Jahre lang Chemotherapie, Bestrahlungs- und Langzeittherapie durchlaufen. Dabei gab es Höhen und auch viele Tiefen - die Entwicklung des Blutbildes war für uns manchmal wie ein Krimi, denn keiner wusste, wie es ausgeht.

Nach diesen anderthalb Jahren galt Evi als geheilt, und die zeitlichen Abschnitte der  medizinischen Überwachung wurden immer länger. 

Im März 1998 stellte man dann einen Rückfall fest, und das war sehr hart für Evi, denn sie hatte so viele Pläne: Abitur, Einsatz in Israel, Medizinstudium...  

Transplantation von Knochenmark

 

Nach ein paar Tagen des inneren Kampfes und Gebets konnten wir uns dieser erneuten Herausforderung stellen. Uns wurde auch gleich mitgeteilt, dass parallel zu der Chemotherapie ein Knochenmarksspender weltweit gesucht würde, denn ohne Transplantation hätte sie keine Überlebenschance! Wir erlebten bei der Suche nach der „Stecknadel im Heu“ Gottes Eingreifen, denn es wurde in Deutschland ein Spender gefunden. 

Ende August wurde Evi auf die Transplantation  vorbereitet. Das bedeutete, dass alle persönlichen Dinge, wie Wäsche, Bücher, CDs usw. sterilisiert werden mussten und sie in ein keimfreies Zelt kam. Als Mutter durfte ich mit ins Zelt, musste mich aber mit Schutzkittel und Mundschutz vorher präparieren. Das Vernichten von Evis eigenem Immunsystem vor der Transplantation war äußerst brutal und für mich vorher unvorstellbar.

Nach dem Injizieren des neuen Knochenmarks war Evi acht bis zehn Tage ohne jegliches Immunsystem, und das war für sie lebensgefährlich. 

Mit viel Gebet und Unterstützung von unserer Großfamilie, unseren Freunden und vor allem unserer christlichen Gemeinde konnte Evi nach 21 Tagen die Transplantationsstation verlassen und langsam in ein normaleres Leben zurückfinden. 

Schwierige Komplikationen

 

Eva-Maria war nach Aussage der Ärzte immer wieder „für Komplikationen gut“, und so hat ihr Körper das neue Knochenmark vollständig abgestoßen. Wieder ging das ganze Prozedere von vorne los. 

Anfang Januar 1999 stellte man fest, dass sich ein Prozess in Evis Körper abspielt und die Ärzte nicht so recht wissen, was eigentlich los ist. Am 7. Februar musste Evi dann wieder stationär aufgenommen werden, und es ging ihr täglich schlechter. 

Der Vater Helmut:

Es sollten drei Wochen werden, die uns als Familie bis zum Äußersten herausforderten. In dieser Zeit wurde mir jegliche Grundlage meines Lebens entzogen. Mein Glaube an Jesus Christus – den Sohn Gottes – wurde in Frage gestellt. Nach außen hin hatte ich die Fähigkeit, einigermaßen stabil zu bleiben, nach innen setzte sich der Auflösungsprozess von Tag zu Tag unaufhaltsam fort: Die Kommunikation mit Gott wurde von meiner Seite aus schwächer, ich fühlte mich von ihm verlassen. 

Die letzten Stunden

 

Vier Stunden vor Evis Tod trat ein plötzlicher Wendepunkt ein: Evi und ich sprachen alle vorhandene Schuld zwischen uns aus. Ausgelöst durch dieses gegenseitige Vergeben aller Unzulänglichkeiten und das beidseitige Loslassen hat sich Evis Stimme trotz Atemnot in eine helle, reine, klare Tonlage verwandelt.

Die Zeit bis zu ihrem Herzstillstand  war von einer unbeschreiblichen himmlischen Atmosphäre gekennzeichnet: Ein tiefer Friede war in unserem Inneren und trotz der intensiven medizinischen Betreuung auch im Krankenzimmer spürbar.

Sie hat das Ziel erreicht! 

Die Schwester Gabriela: 

„Ich wünsche mir, dass wir uns innerlich ganz nah sein können, auch wenn die Kilometerzahl immer größer zwischen uns wird.“ 

Ein Jahr bevor sie starb schrieb mir Evi diesen Satz in einem Brief. Damals wussten wir beide noch nicht, welche Dimension diese Distanz annehmen sollte. Ich bin sehr dankbar, dass ich die wenigen Stunden vor ihrem Tod bei ihr war und wir uns verabschieden konnten. Es war eine sehr tiefe und nie zu vergessende Erfahrung. 

Trauer und doch Trost

 

Die darauf folgende Phase war für mich oft schwer. Ich vermisste meine geliebte Schwester und beste Freundin sehr, die nur 16 Monate jünger war als ich.

Doch vom ersten Moment des Loslassens gab und gibt mir mein Glaube an Jesus Christus Trost, Ruhe, Kraft und tiefen Frieden über Evis Tod, in einer Dimension, die ich zuvor nicht erlebt habe. Ich konnte die Situation einfach so annehmen, ohne all meine WARUM-Fragen beantwortet zu haben. 

Und trotzdem wird mir Evi immer sehr nah bleiben in all den Erinnerungen. Sie trug auch in den noch so schwierigen Momenten ihres Lebens Hoffnung, Liebe, Frieden und Souveränität in sich. Ich bin stolz, sie als Schwester gehabt zu haben! 

Die Eltern:
„Auszeit“ und Ausblick

Nach dem Tod haben wir uns sechs Monate lang Auszeit genommen, um den Schmerz nicht durch Überaktivität die Trauer zu verdrängen. Danach haben wir uns mit unserer Tochter Gabriela zusammengesetzt und festgelegt, dass wir uns nun wieder mit neuer Freude und Zuversicht dem Leben und den Aufgaben zuwenden werden. 

Inzwischen sind zweieinhalb Jahre seit dem Tod von unserer Evi vergangen. Bis zum heutigen Tag können wir sagen, dass unser himmlischer Vater uns in Leid, Trauer und Belastungszeiten nicht alleine lässt, sondern auf verschiedenste Art und Weise eingreift und hindurchhilft. Der Tod unserer Evi brachte uns neu die Hoffnung, dass unser Leben hier nur vorübergehend ist und wir uns auf das Zukünftige freuen dürfen! 

Kontakt:
Hauserute@aol.com
 

MENSCHEN

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