Erika Pailer
Mit der Lücke leben"Der Glaube ist wie
ein Vogel, der singt, wenn die Nacht noch dunkel ist", das las ich auf einer
Grußkarte von Freunden, die mit uns am Grab unseres fast zwölfjährigen Sohnes Daniel
standen. Das Lied in der Dunkelheit besingt den neuen Morgen. Vielleicht habe ich niemals
so gesungen wie in der Nacht vom 29. auf den 30. Mai 1991 am Sterbebett meines Kindes. Ich
weiß, daß für Daniel in jener Nacht die Sonne der ewigen Welt aufging.
"Wir können nichts mehr für Ihr Kind tun."
Vorher
wurde es immer dunkler. Nachdem Daniels Leben durch eine siebenstündige Notoperation in
der Freiburger Uni-Klinik gerettet werden konnte (man hatte ihm einen tomatengroßen Tumor
am Gehirnstamm entfernt), kam ein Schlag auf den anderen: Die Histologie ergab, daß es
sich um das bösartige, schnell wachsende Medulloblastom handelte, die Computertomographie
zeigte Metastasen in Gehirn und Rückenmark.
Ich sehe heute noch den schweißgebadeten, verzweifelten Arzt vor mir, der Daniel operiert
hatte: "Wir können nichts mehr für ihr Kind tun." Als Menschen, die die
verändernde Kraft Gottes in ihrem Leben vielfach erfahren haben, wissen wir, daß er da,
wo menschliche Möglichkeiten versagen, noch lange nicht am Ende ist. Zusammen mit den
Ältesten unserer Gemeinde und mit vielen Betern zuhause legten wir Daniel die Hände auf.
Dabei war uns bewußt, daß Gott Daniel in Frieden zu sich nehmen oder auch heilen kann.
Das Wunder geschieht
Am folgenden Tag wurde eine Kernspinresonanz-Untersuchung durchgeführt, um die Metastasen
genauer zu lokalisieren. Es waren keine Metastasen mehr nachweisbar!
Die Ärzte verglichen die Bilder und sprachen von einem Wunder. Als wir fröhlich von
unserem Glauben an Gott berichteten, wurde das Staunen nur noch größer. Jetzt war wieder
von Heilungschancen die Rede. Heilungschancen? Gott hatte für alle sichtbar eingegriffen.
War Daniel nicht heil? Sollten wir die angebotene Chemo- und Strahlentherapie annehmen
oder mit unserem Kind nach Hause fahren, das gestern noch als unheilbar von den Ärzten
aufgegeben war?
Zusammen mit vielen Freunden der Gemeinde beteten wir um den richtigen Weg - und bekamen
keine Antwort. Vor unseren Augen standen lediglich die düsteren Prognosen der Ärzte:
Daniel ist ein sehr begabtes Kind, aber er wird nach der Therapie nur noch bedingt
bildungsfähig sein; sein Wachstum und sein Hormonhaushalt müssen medikamentös gesteuert
werden; er wird immer Gleichgewichtsstörungen haben.
Zwischen Hoffen und Bangen
Trotzdem entschieden wir schließlich, dem ärztlichen Rat zu folgen. Zögernd stiegen wir
in die Chemotherapie ein, mit der Bitte um ein eindeutiges Zeichen, falls wir den falschen
Weg eingeschlagen hatten. Die Antwort war eindeutig: Nach dem zweiten Therapieblock wurde
auf Anraten der Ärzte die Chemotherapie abgebrochen. Die Nebenwirkungen waren so fatal,
daß Daniels Leben erneut bedroht war.
Während der folgenden dreimonatigen Bestrahlungszeit erlebten wir viele ermutigende
Zeichen. Obwohl die Ärzte Gleichgewichtsstörungen vorhergesagt hatten, konnte Daniel
wieder wie früher Radfahren und Surfen. Nach seinen damals noch üblichen
Orientierungsarbeiten in der 4. Klasse bekam er die Empfehlung für das Gymnasium.
Nach der Therapie ist er ohne Medikamente wieder gewachsen. Für uns war klar: Daniel ist
zurück im Leben. Gott hatte ihn uns ein zweites Mal geschenkt.
"Katz-und-Maus-Spiel"?
Heute ist Daniel nicht mehr unter uns. Zwei Jahre nach der Therapie erlitt er
einen Rückfall und Gott hat ihn zwei Monate später zu sich genommen. Ein
"Katz-und-Maus-Spiel" Gottes mit seinen Kindern? Bis heute haben wir diese
Führung Gottes nicht verstanden. Viele Fragen sind immer noch ungeklärt. Eine Freundin
von uns meinte: "Ich frage mich, ob es nicht ein größeres Wunder ist zu sehen, wie
Gott euch durch dieses Leiden gesegnet hat, als wenn Daniel noch lebte." Daniel hat
Jesus gekannt und als seinen Herrn geliebt. In langen Nächten der Schmerzen und der
Verzweiflung sind ihm und uns die Psalmen besonders liebgeworden. Daniel wußte, daß sein
irdisches Leben zu Ende ging. Auch wenn es sehr schwer ist, mit seinem Kind über den Tod
zu sprechen, so ist es andererseits auch etwas ganz Besonderes, ihm das Bild des
himmlischen
Jerusalem aus der Offenbarung vor Augen zu malen. Daniel wußte, daß es stimmt, wenn wir
ihm sagten: "Wenn du aufwachst, wird Jesus selber da sein und alles ist gut."
Der Blick "darüber hinaus"
Ich bin ein dem Leben
zugewandter Mensch bin, der die Sonnenseiten des Lebens durchaus in vollen Zügen
genießt. Ich freue mich sehr an Haus und Garten, Sonne, See, Wind und nicht zuletzt an
unserem Hobby, dem Motorradfahren. Darüberhinaus hat mein Leben allerdings eine neue
Perspektive dazugewonnen, die ich vor Daniels Leiden und Tod in dieser Weise nicht kannte.
Der Blick "darüber hinaus" gibt mir in vielen Fragen des Lebens eine neue
Gelassenheit und Ruhe.
Manchmal sprechen mich Leute an, die nicht begreifen können, daß man nach solch einer
harten Lebenserfahrung noch so eine "Frohnatur" sein kann. Zwei Gründe, so
denke ich, sind dafür zu nennen: Der ständige Kontakt mit dem lebendigen Gott und das
anhaltende Gebet unserer Gemeinde.
Eine harte Lektion
"An Krebs sterben - mit der Lücke leben", diese Lektion hat unser Leben
verändert. Der Tod hat seinen Schrecken verloren. Seit Daniel die Todesschwelle
überschritten hat, ist die ewige Welt für uns viel konkreter geworden. Ein Teil von uns
ist schon dort.
Kontakt:
Erika Pailer
Landstr. 24
D-88719 Meersburg-Stetten |
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