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Kerstin Nunweiler
Eine hartnäckige Grippe? Alles begann Ende
April 2000. Rainer fühlte sich körperlich unwohl, war erkältet und hatte
Fieber, also typische Grippesymptome. Allerdings erwies sich diese „Grippe“
als ziemlich hartnäckig. Mitte Mai entdeckte er plötzlich vermehrt blaue
Flecken und an den Waden Blutpünktchen. Im Krankenhaus wurde
festgestellt, dass Rainer ohne Behandlung nicht mehr lange überlebt hätte.
Seine weißen Blutkörperchen hatten sich bereits explosionsartig vervielfacht
und die körpereigene Abwehr war so gut wie außer Kraft gesetzt. Deshalb
wurde er auch gleich isoliert: Nur völlig gesund und mit Mundschutz, Kittel
und desinfizierten Händen durfte man in sein Zimmer. Sofort wurde mit der
Chemotherapie begonnen.
Es folgten drei
Monate, in denen Rainer fast nur im Krankenhaus lag. Die Suche nach einem
passenden Spender zur Knochenmark- bzw. Stammzellentransplantation - die
einzige Chance auf Heilung - blieb erfolglos. Deshalb rief das Donnersberger
Krankenhaus in Kirchheimbolanden, in dem Rainer auf der Intensivstation
gearbeitet hatte, eine große, beispiellose Hilfsaktion ins Leben. Zusammen
mit der DKMS, der Deutschen Knochenmarkspenderdatei, wurden Aktionstage zur
Spendersuche organisiert. Anfang August waren die
Ärzte in Kaiserslautern mit ihren Therapien am Ende. Rainer hatte die
schlimmste Form der lymphatischen Leukämie, die durch das
Philadelphia-Chromosom ausgelöst wird. Bei diesem genetischen Fehler bildet
sich ein neues Chromosom aus zwei abgespaltenen Hälften und setzt sich auf
die Stammzellen. Sie sind für die Produktion der Blutkörperchen zuständig.
Dort wirkt es wie ein Katalysator: Unmengen von weißen Blutkörperchen werden
produziert, die aber wirkungslos sind. Durch gewöhnliche Chemotherapien
bekommt man diesen Defekt nicht in den Griff. Es gab zwei
Aktionstage zur Stammzellen-Spendersuche im Oktober und November 2000 in
unserem Heimatort Rockenhausen und in Kirchheimbolanden. Insgesamt 2.600
Menschen ließen ihre Blutprobe typisieren. Im Laufe der Monate kam auf dem
Spendenkonto die beachtliche Summe von 320.000 DM zusammen. Diese Welle der
Hilfsbereitschaft machte uns sprachlos, da wir nie mit einer solchen
Resonanz gerechnet hätten. Es tat gut, die Solidarität, das Mitfühlen und
Mittragen zu erleben. Gleich zu Beginn des neuen
Jahres aber musste Rainer wieder ins Krankenhaus, da sich seine Blutwerte
stark verschlechterten. Die Ärzte testeten eine neuartige
Antikörper-Therapie, aber auch diese schlug fehl, und sein
Gesundheitszustand verschlimmerte sich rapide. Eine Transplantation war
unmöglich. Die folgenden zehn Tage war
ich Tag und Nacht bei ihm, in dem Bewusstsein, dass er es nur noch schaffen
kann, wenn Gott ein Wunder tut. Familie und Freunde beteten mit mir an
seinem Krankenbett, alles in dem festen Glauben, dass Gott eingreifen würde,
jetzt wo wirklich alles Menschenmögliche fehlgeschlagen war.
Ich habe bis heute auf
viele meiner Fragen keine Antworten, wahrscheinlich werde ich sie hier auf
der Erde auch nicht erhalten. Die wichtigste Erfahrung für mich war, dass
mich Gott durch die ganzen Monate hindurchgetragen hat, dass er eine
unerschöpfliche Kraftquelle ist. Nur so konnte ich Rainer die Unterstützung
geben, die er gebraucht hat. Aus mir selbst heraus hätte ich das nie
durchstehen können. Am 23. Januar 2001 ist
meine Welt zusammengestürzt. Mein ganzes Leben war nur noch ein
Scherbenhaufen. Nun ist ein dreiviertel Jahr vergangen, und ich weiß bis
heute nicht, warum Rainer gehen musste. Ich musste lernen, mit dieser
Entscheidung Gottes zu leben. |
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proLIFE - Hilfe für Krebspatienten |