Walter Rose, 1994:
Die Bibel hat doch recht?
Es schien alles so einfach. Da stand es doch schwarz auf weiß in
der Bibel: "Bittet, so wird euch gegeben...". - "Was
ihr bitten werdet in meinem Namen, das will ich tun." - "Alles,
was ihr bittet im Gebet, werdet ihr empfangen, wenn ihr glaubt"
(Lukas 11,9; Johannes 14,14; Matthäus 21,22). Ich war von der Zuverlässigkeit
dieser biblischen Zusagen überzeugt, auch was meine persönlichen Probleme
betraf. Ich hatte einfach beschlossen, ohne jeden Zweifel daran festzuhalten.
Gläubige Verwandte und Freunde bestärkten mich, christliche Literatur
ermutigte mich.
Eine gewisse Aussicht auf Rettung

Mein Problem, das war die Leukämiekrankheit unserer kleinen Tochter
Annetraud. Die Diagnose, erstmals 1966 gestellt, bedeutete nach dem
damaligen Stand der Medizin beinahe ein sicheres Todesurteil, denn es
gab noch keine Medikation, mit der man erkrankte Kinder mehr als zwei
bis drei Jahre am Leben erhalten konnte. Aber - so sagte der Arzt -
man stünde kurz vor einem Durchbruch in der Forschung. Also gab es -
auch menschlich kalkuliert - eine gewisse Aussicht auf Rettung. Intensives
und treues Gebet und auch die Fürbitte vieler Menschen - mußte Gott
das nicht erhören?
Es kam anders. An einem Sonntagmorgen, als ich die damals Vierjährige
aus der Universitätsklinik abholen wollte, wo sie nach einer Krise angeblich
wiederhergestellt war, fand ich sie bereits sterbend vor. Und das nach
zweijähriger Krankheit mit viel Auf und Ab.
Was hatte ich falsch gemacht?
Für mich begann eine der schlimmsten Prüfungen meines Lebens, denn
ich geriet von allem menschlichen Schmerz einmal abgesehen, in fürchterliche
Glaubensanfechtungen. Auf einmal schienen alle diese Verheißungen widerlegt.
Und nicht nur das: Ich begann auch an den Grundlagen und Voraussetzungen
meines 30jährigens Glaubenslebens zu zweifeln. Was stimmte denn nun
noch an der Bibel? Und wozu taugte Gebet, wenn es doch nicht erhört
wurde? Hatte ich etwas Wesentliches falsch gemacht?
Die Krise dauerte über ein halbes Jahr, und ich sah keinen Ausweg. Von
nirgendwo erhielt ich Antworten, die mich einigermaßen weitergebracht
hätten, weder von gläubigen Verwandten und Freunden, noch von Geistlichen
oder aus dicken Büchern. Es ging durch ein finsteres Tal ohne Lichtblick.
Was ist zwei mal zwei?
Nicht einmal zum Gottesdienstbesuch hatte ich noch Lust. Auch das
Buch Hiob, das ich immer wieder las, gab mir keinen Trost. Bildlich
gesprochen, begann ich zu prüfen, ob zwei mal zwei wirklich vier ist.
Ich mußte noch mal ganz von vorn anfangen - mit der Bibel, mit Gott,
mit Jesus. Und ich kam schließlich an den Punkt, wo ich wie Petrus ausrief:
"Herr, wohin soll ich gehen? Du hast Worte des ewigen Lebens."
(Johannes 6,68)
Zum zweiten Mal Christ
Von da an begann ich, allmählich wieder aus dem Tal heraufzusteigen
und gewissermaßen ein zweites Mal Christ zu werden. Ich habe nicht auf
alle meine Fragen Antwort gefunden. Ich habe sogar einsehen müssen,
daß Gott uns in manchen Dingen bewußt im Dunkeln tappen läßt. Er ist
souverän. Er kann
auch die Erfüllung von Bitten verweigern; und nicht immer erfahren wir,
warum er so oder so entscheidet. Aber es gilt auch dann seine Zusage,
daß er über uns Gedanken des Friedens und nicht des Leides hat; daß
er, wenn wir ihn von ganzem Herzen suchen, unser schweres Geschick wenden
will (Jeremia 29).
Ganz anders beten
Er läßt uns so - und zwar nicht nur durch die Schrift - in sein
liebendes Vaterherz blicken. Das kann dazu führen, daß wir ganz anders
als vorher beten und bitten. Dann werden wir bereit, unsere Wünsche
zurückzustellen zugunsten seiner alles übergreifenden Pläne, deren Größe
wir Menschen in
unserer Begrenztheit nicht erfassen können. Ich habe mich damals ganz
neu Jesus zugewandt und ihn gebeten, mich herauszuretten aus Zweifeln
und Verzagtheit. Er hat es getan.
"Sie leiden an Plasmozytom."
Letztlich bin ich aus der Krise gestärkt hervorgegangen - bis mich
Jahre später erneut eine ähnlich erschütternde Nachricht erreichte:
Die Diagnose, nach einer eher routinemäßig veranlaßten Blutuntersuchung,
war ebenso unerwartet wie schockierend.
"Sie leiden an Plasmozytom, einer dem Krebs verwandten Krankheit,
die zwar behandelbar, aber nicht heilbar ist."
"Dann weiß ich also meine künftige Todesursache?"
"Nicht unbedingt", so die leicht ironische Antwort der Ärztin.
"Bis die Krankheit voll ausbricht, kann es noch ein paar Jahre
dauern. Und natürlich können Sie auch an etwas ganz anderem sterben."
So das Gespräch vom Frühjahr 1985.
Eine tückische Krankheit
Sieben Jahre später, nach einer schweren Infektion mit hohem Fieber,
trat das Plasmozytom unvermittelt in das entscheidende Stadium III,
von wo aus es nach ärztlicher Aussage nur noch "Stagnation"
und "Progression" geben würde, das heißt, unter gewissen Umständen
bestenfalls ein vorübergehendes Beharren auf der jeweiligen Stufe, danach
schubartig eine Verschlechterung, bis...
Solche Verschlechterungen sind dann bei mir von Jahr zu Jahr deutlicher
geworden. Das Plasmozytom ist eine in den Knochen, vor allem der Wirbelsäule,
nistende Erscheinung, deren Ursache niemand kennt. Die Krankheit ist
nicht erblich und nicht übertragbar. Eine körperfremde Plasmaschicht
"verkleistert" gewissermaßen die Knochenwandung von innen
und behindert so einerseits die ordnungsgemäße Blutneubildung, andererseits
verfällt die Knochenstruktur, weil sie entkalkt und damit porös wird.
Wie lange lebe ich noch?
Dadurch besteht eine ständige, immer mehr zunehmende Bruchgefahr.
Über zwanzig Knochen weisen bei mir mittlerweile solche "pathologischen
Brüche" auf: Brust- und Lendenwirbel, das Brustbein, die Rippen,
der Oberschenkelhals, ein Mittelfußknochen. Natürlich verursachen diese
Schäden Schmerzen, die aber bald weitgehend wieder abebben.
Ich bin gehbehindert und gelte als 100% schwerbeschädigt. Bluttransfusionen
sind mehr oder weniger regelmäßig erforderlich, dazu wird in kurzen
Abständen Chemotherapie angewandt, mit sehr unangenehmen Nebenwirkungen,
zum Beispiel Luftmangel, großer körperlicher Schwäche, Appetitlosigkeit,
Übelkeit, Haarausfall und anderem. Ich mußte mich mit 63 vorzeitig aus
dem Berufsleben verabschieden. Meine Lebenserwartung ist äußerst gering.
Laut Aussage des mich behandelnden Onkologie-Professors, den ich um
ein offenes Wort bat, ist es fraglich, ob ich den nächsten Jahreswechsel
noch erlebe.
Das Leben hat so oder so ein Ende
Soviel über meinen gesundheitlichen Status und meine Zukunftsaussichten
aus dem Blickwinkel der Mediziner.
"Wie kannst du denn mit einer solchen Voraussage leben?" fragte
mich mein Pfarrer, fragen mich Verwandte und Freunde, die sich in meine
Lage zu versetzen versuchen und die treu für mich beten.
Ich bin ein Kind Gottes und weiß mich in der Hand meines Herrn, im Leben
und im Sterben. Doch dieser Glaube wird erst dann real, wenn der entscheidende
Zeitpunkt näher vor Augen rückt. Ich kann ja, wenn Gott es will, morgen
schon, zum Beispiel nach einem Kreislaufzusammenbruch, tot sein; ich
kann
heute noch von einem Fahrzeug erfaßt werden und ums Leben kommen. Darf
einen Menschen, der in ständiger Verbindung zu seinem Vater im Himmel
steht, diese Aussicht erschrecken? Unser Leben hat doch einmal - so
oder so - ein Ende, das Gott bestimmt. Warum sollte die Ursache nicht
Krebs oder etwas Ähnliches sein?
Der nahe Tod motiviert
Warum, ja warum? Diese Frage hat mich bei Krankheitsbeginn oft bewegt,
ohne daß ich eine Antwort fand. Sie steht mir, wie ich meine, auch nicht
zu. Deshalb habe ich aufgehört, sie mir weiter zu stellen. In gewisser
Hinsicht bin ich sogar dankbar für die Aussicht, daß mir der Tod nähergekommen
ist, denn ich habe auf diese Weise die Motivation gewonnen, manches
Projekt abzuschließen, manches in meiner Vergangenheit noch einmal aus
dem "Blickwinkel der Ewigkeit" zu überdenken und zu bereinigen.
Ich möchte diesen oder jenen um Vergebung bitten, mich von einigem lösen,
anderes geordnet übergeben, nicht zuletzt: ein bereichertes Gebetsleben
führen. Dazu inspiriert mich immer
wieder meine tapfere Frau.
Noch einmal ganz gesund?
Zum anderen habe ich mich auch noch nicht gesundheitlich aufgegeben.
Nicht nur, weil mir erst kürzlich von zwei Seiten versichert wurde,
es seien Fälle meiner Art bekannt geworden, wo medizinisch unerklärliche
"Spontanheilungen" erfolgt seien. Als ich in meiner ersten
schweren Gesundheitskrise mit hohem Fieber im Bett lag, fasteten und
beteten die Mitglieder meines Hauskreises mehrere Tage lang. Sie erhielten
den übereinstimmenden Eindruck, ich würde
dank Gottes Eingreifen noch einmal ganz gesund werden. Als ich selber
längere Zeit danach dieses Anliegen zum Gegenstand eines inständigen
Gebets gemacht hatte, bekam ich in der folgenden Nacht im Traum die
- ich möchte sagen: akustische -Antwort: "In diesem Falle besteht
eine
Heilungsmöglichkeit."
Ich werde des Herrn Werke verkündigen
Etwas Ähnliches ereignete sich an meinem letzten Geburtstag im vorigen
Jahr, als es mir gesundheitlich sehr schlecht ging und ich aus Platzmangel
in einem Geräteraum der Klinik lag. Kurz vorher hatte man meine Frau
schon für alle Fälle gebeten zu kommen. Ich hörte plötzlich überraschend
das Wort aus Psalm 118, Vers 17: "Ich werde nicht sterben, sondern
leben und des Herrn Werke verkündigen." Das hatte für mich noch
einen besonderen Gesichtspunkt, der mir unvermittelt vor Augen kam:
In den letzten Jahren habe ich eine Vielzahl geistlicher Gedichte und
Lieder verfaßt, die in dicken Ordnern vor sich hin altern. Jetzt also
"kaufe ich die Zeit aus", indem ich versuche, sie druckreif
zu überarbeiten und zu veröffentlichen.
Jeder Tag ist unendlich wertvoll
"Des Herrn Werke verkündigen", das soll auch sonst viel
mehr als früher Grundlage meiner verbleibenden Lebenszeit sein. Ich
konnte inzwischen manchem Besucher und auch Nachbarn ein glaubwürdigerer
Zeuge sein, als es ohne diese Krankheit möglich gewesen wäre.
Mit Krebs leben - als Jünger Jesu sollte man das können. Jeder neu geschenkte
Tag, vor allem wenn er nicht von größeren Beschwerden geprägt ist, wird
unendlich wertvoll. Jede Freude an Gottes Gaben, auch die kleinste,
jede menschliche Zuwendung, gilt es zu genießen. Das steigert die Vorfreude
auf das, was einmal sein wird und woran ich froh und fest glauben darf
- ganz bei ihm zu sein.
GEBET
Ich bitte, Vater, nicht, du wollst mir geben
ein müheloses, lastenfreies Leben
auf Wegen, die bequem, gerad und eben.
Nicht Sattheit, Reichtum ist, was ich begehre,
nicht Anerkennung, Menschenruhm und Ehre.
Nicht, daß kein Leid, kein Siechtum mich beschwere,
Gefahr, Not, Unheil drohe meinen Schritten,
noch Festigkeit ermangle meinen Tritten.
Um dieses alles will ich dich nicht bitten -
nur um Gewißheit, daß du auf mich blickst
und daß mir alles frommt, was du mir schickst,
daß auch in schwerer Zeit du mich erquickst,
weil dir ja meine Schwachheit ist bekannt.
Bleib, Vater, mir in Liebe zugewandt,
und halt mich ewig fest in deiner Hand.
Felicitas, seine Frau, 1999:
Er ordnete alles
Mein Mann schrieb seinen Bericht 1994. Er lebte dann noch zweieinhalb
Jahre. In dieser Zeit besserte sich seine Verfassung zunächst deutlich,
er konnte sogar noch einmal für ein paar Tage verreisen. Doch dann schlug
Walters Gesundheitszustand um, er wurde immer kurzatmiger und schwächer.
Trotzdem war er noch aktiv: Er leitete vom Krankenbett aus ein letztes
Mal die Vorstandssitzung unseres kirchlichen Fördervereins, nahm am
Hauskreis teil. Seine Tapferkeit und Glaubensstärke machten einen unwahrscheinlichen
Eindruck auf alle um ihn herum, Nachbarn, Verwandte und Freunde. Aber
offensichtlich ging die Zeit der Besserung dem Ende zu - seine Kräfte
nahmen mehr und mehr ab, und er wurde fest bettlägerig. Walter ordnete
alles: Er schlug einen Nachfolger für den Vereinsvorsitz vor und übergab
mir aufgeräumte Akten.
"Nun ist alles gut!"
Dann ließ er sich dankbar von mir pflegen. Ich empfand es als ein
besonderes Geschenk, daß ich meinen Mann ohne fremde Hilfe zuhause versorgen
konnte.
In den letzten Tagen war er sehr benommen. In einem klaren Augenblick
sagte er: "Feli, nun ist alles gut!" Ich denke, er hatte sich
in dem Moment ganz in den Willen Gottes hineingegeben und seinen Frieden
gefunden.
"Vivit - er lebt!"
Rückblickend war es eine furchtbare Zeit, die wir durchleben mußten,
aber Gott hat uns Schritt für Schritt vorbereitet und durchgeführt,
so daß es nie mehr war, als wir ertragen konnten. Ich kann nur staunen,
wie treu unser Gott gerade in solchen dramatischen Zeiten handelt.
Am Beerdigungstag las ich morgens in der Andacht (es war Osterzeit)
das lateinische Wort "vivit" - er lebt. Am Grab kondolierte
dann jemand aus unserer Gemeinde: "Feli, hörst Du den Vogel singen?
Vivit - er lebt!" Das war eins von mehreren Zeichen, die Gott mir
gegeben hat, und nach der Feier sagten viele: "Es war ein schöner
Tag. Gottes Gegenwart war zu spüren."
Aus Leid etwas Gutes
Bei den Nachbarn hat Walters Haltung in der Krankheit große Achtung,
Vertrauen und eine Öffnung für Gottes Wirken hervorgerufen. Neun Nachbarn
kamen zu seinem Begräbnis, drei besuchen unseren Hauskreis. So läßt
Gott auch aus Leid etwas Gutes entstehen.
Ich habe inzwischen viel mit Menschen zu tun, die durch schwere Zeiten
gehen, und ich ermutige sie gern in dem Vertrauen, daß Gott uns in seiner
Liebe und Kraft zur Seite stehen will - und zwar so deutlich, daß wir
nur staunen können. Ich kann nur sagen: Es tut gut, den Blick von der
Traurigkeit weg auf Jesus Christus zu richten - er schenkt neues Vertrauen.