Ingrid Kretz
Du bist so mutig, Salome

Mitten in die Freude über
die wenige Wochen zurückliegende Geburt unseres vierten Kindes erreichte
meinen Mann und mich die Nachricht, dass unsere dreijährige Tochter Salome
ernsthaft erkrankt sei. Schon seit einiger Zeit waren bei ihr hin und wieder
Schmerzen in der rechten Kniekehle aufgetreten. Eingehende ärztliche
Untersuchungen brachten es an den Tag: Salome war an einem bösartigen
Knochentumor im rechten Oberschenkel, an einem Ewing-Sarkom erkrankt. Mit
der niederschmetternden Diagnose im Mai 1994 zerbrachen alle unsere
Hoffnungen auf ein unbeschwertes Familienleben. Unsere beiden ältesten
Kinder waren zu diesem Zeitpunkt acht und neun Jahre alt.
Im Angesicht der Diagnose
Plötzlich meinte ich, die
Welt müsse stehen bleiben. Unser Kind hatte Krebs und niemand konnte sagen,
ob es geheilt würde oder wie viel gemeinsame Zeit noch bleibt. Was nun
folgte, waren ständig wiederkehrende Klinikaufenthalte, bei denen mein Mann
oder ich Salome Tag und Nacht begleiteten. Innerhalb eines Jahres waren
vierzehn Chemotherapien mit höchstmöglicher Dosis für unsere Tochter
geplant.
Wir hatten zum damaligen
Zeitpunkt plötzlich viele Probleme: Das Finden einer Haushaltshilfe, die
unsere anderen Kinder betreuen und den Haushalt während meiner Abwesenheit
weiter führen sollte. Zum anderen wollten wir unser krankes Kind auch in der
Klinik betreuen, trösten und lieb haben. Chemotherapie ist unerbittlich,
auch in den Nebenwirkungen. Deshalb war es wichtig, dass wir ständig in
Salomes Nähe waren.
Schwerwiegende Therapie-Erwägungen
Das nächste Problem war die
Frage nach der Operation: Drei Monate nach Beginn der Behandlung war eine
ungewöhnliche Operation vorgesehen, bei der aber ein Teil des Beines
gerettet werden könnte. Ansonsten wäre nur eine vollständige Amputation des
Beines in Frage gekommen. Und ohne die Entfernung des Tumors hätte Salome
noch eine Lebenserwartung von achtzehn Monaten gehabt. Sollten wir dieser
ungewöhnlichen Operation, einer Umkehrplastik, zustimmen? Dies würde
bedeuten, dass unsere Tochter zeitlebens eine Unterschenkelprothese tragen
müsste. Eine damals für uns unvorstellbare Zukunft.
Fragen an Gott
Auch hatten wir mit unserem
Gefühlschaos zu kämpfen. Mal war man von Hoffnung erfüllt, mal deprimiert,
weil schlechte Blutwerte vorlagen, eine Lungenentzündung festgestellt wurde
- und dabei die ständige Frage nach dem „warum?“, „warum unser Kind?“
Fragen, die wir auch Gott
stellten, Fragen, die unbeantwortet blieben. Unser Glaube wurde auf eine
harte Probe gestellt. Alle unsere Fragen und Probleme wurden zu unserem
Gebetsanliegen. In dieser schwierigen Zeit war es gut zu wissen, dass
Familie und Freunde uns begleiteten, die uns halfen, die für Salome und
unsere Familie beteten, die ein offenes Ohr hatten, die mit uns litten, wenn
Zuversicht und Verzweiflung sich die Hand gaben.
Unser Familienleben war
plötzlich nicht mehr planbar. Die neuen Lebensumstände stellten alles in
Frage: Was wäre, wenn? Wird Salome geheilt? Man wusste nie, was der nächste
Tag bringen würde. Alles drehte sich um unser krankes Kind.
Die Entscheidung fällt
Wir hatten unserer Tochter
immer alle vorgesehenen Behandlungen erklärt, so auch die bevorstehende
Operation. Nach langem Zögern und Beten entschieden wir uns für die
Umkehrplastik. Bei dieser Operationsform steht die Lebensqualität im
Vordergrund. Der erkrankte Oberschenkel wird entfernt, nur der Ischiasnerv
bleibt erhalten. Der Unterschenkel wird um 180° gedreht in der Hüfte
angenäht. Der Fuß zeigt nach hinten. Später wird der Fuß wie der einer
Ballerina trainiert und steht dann in einer Unterschenkelprothese. Der Fuß
ersetzt das Kniegelenk, die Ferse die Kniescheibe. Das Beingefühl bleibt
erhalten und auch Unebenheiten kann der Operierte beim Laufen spüren, anders
als bei einer Amputation. Es gibt keinen Phantomschmerz und man muss mit der
Unterschenkelprothese nur ein Gelenk, nämlich das Fußgelenk, ersetzen. Der
„neue“ Oberschenkel wächst mit.
Mit viel Geduld weitergehen
Kurz nach Salomes viertem
Geburtstag im Sommer 1994 wurde sie in Münster operiert. Die Operation
verlief erfolgreich. Bald darauf wurde Salome mit den Chemotherapien weiter
behandelt. Immer wieder waren wir erstaunt über unser geduldiges Kind.
Klinikaufenthalte, Krankengymnastik und Arztbesuche wechselten ständig.
Mehrere Monate nach der Operation erhielt Salome ihre erste Beinprothese.
Ihre Freude, wieder laufen zu können, lässt sich kaum beschreiben. Sie
wollte die Prothese gar nicht mehr ausziehen.
Mit der neuen Situation arrangieren
Wir versuchten, so weit
wie möglich ein wenig Normalität, gerade auch für die Geschwisterkinder, zu
leben. Immer mehr wurde mir jedoch bewusst, dass ich nichts in der Hand
hatte, das Geschehen zu beeinflussen. Ich musste feststellen, dass Gott
seine eigenen Vorstellungen von unserem Leben und dem unserer Tochter hat.
Nach einem Jahr der
intensiven Behandlungen wurde Salome nach Hause entlassen. Der veränderte
Alltag forderte von uns allen viel Kraft, das Zusammenleben wieder
harmonisch zu gestalten. Immer wieder kehrten meine Gedanken zu dem Jahr
zurück, das ungeheuer viel verändert hatte. Um die Erlebnisse für meine
Tochter zu erhalten, begann ich damit, sie aufzuschreiben.
Salome liebt das Leben
Für Salome folgte
jahrelange Krankengymnastik und je nach Wachstum neue Beinprothesen. Mit
Gottes Hilfe entwickelte sich unsere Tochter zu einem sportlichen und
fröhlichen Kind. Unser Leben verläuft heute fast wieder in „normalen“ Bahnen
- fast, wenn die körperlichen Veränderungen mit all ihrer Konsequenz bei
unserem Kind nicht wären. Doch das schließt Zufriedenheit nicht aus.
Mit zunehmender
Beweglichkeit traute sich Salome alles zu, wie z.B. Leichtathletiktraining
unter lauter gesunden Kindern. Sie sollte und durfte alles mit ihrer
Prothese tun, hatten ihr die Ärzte geraten. Inzwischen fährt Salome ein
normales Fahrrad, schwimmt, rennt, fährt Schlittschuh und Inliner. Sie ist
jetzt elf Jahre alt und besucht voller Freude die fünfte Klasse eines
Gymnasiums.
Gott half „anders“
Gott erhörte unsere Bitten
auf Heilung auf eine andere Art und Weise, als wir uns das ausgemalt hatten.
Aber wir durften seine Nähe erfahren und dass die Frage nach dem „Warum“ und
damit die Verzweiflung in den Hintergrund geriet. Gott wurde erfahrbar und
hat uns geholfen, die Veränderungen anzunehmen. Das Leben bekommt eine
andere Wertigkeit. Ich lernte, Unwichtiges von Wichtigem zu unterscheiden,
Prioritäten anders zu setzen und fand zum Schreiben. Ich teile seitdem meine
Erfahrungen in Vorträgen mit anderen Menschen. Und ich habe durch Salome
eins begriffen: Dass auch ein Leben mit körperlichen Einschränkungen von
Lebensfreude geprägt sein kann.
Kontakt:
Ingrid Kretz
In den Erlen 15
D-35685 Dillenburg
Ingrid Kretz hat Salomes
Geschichte in einem Buch
beschrieben. |