Bettinas Weg in eine andere Welt
Eine junge Frau lernt durch Krebs sich selbst und Gott tiefer kennenBettina Wälde war 37 Jahre alt, als sie 1998 nach etwa
anderthalbjähriger Krankheit an Lungenkrebs starb. Sie hatte ihr Leben intensiv gelebt.
Aus einer
Handwerkerfamilie
Bettina wächst in Braunfels bei Wetzlar als jüngste Tochter in einer
Handwerkerfamilie auf. Ihre Mutter arbeitet in einer Handschuhfabrik, der Vater sorgt als
Maurer für die Familie. In der Teenagerzeit entwickelt Bettina eine intensive
Freundschaft zu einem Ehepaar und lernt dort auch den lebendigen Glauben an Gott kennen.
Mit 17 Jahren entscheidet sie sich für ein Leben mit Jesus Christus und eckt damit in
ihrer Umgebung deutlich an.
Nach ihrer Ausbildung zur Musikfachverkäuferin übernimmt sie immer mehr Verantwortung in
einem Musikgeschäft. Sie liebt das tägliche Gespräch mit Vertretern und Kunden.
Theologische Ausbildung
Nach einigen Jahren entscheidet sich Bettina zu einer theologischen Ausbildung. Sie
kündigt ihre Stelle und zieht trotz starker Bedenken ihrer Familie in die Nähe von
Detmold. Dort besucht sie für drei Jahre eine Bibelschule. Diese intensive Zeit prägt
ihren Glauben, und sie entwickelt in dieser Zeit ihre eigene Position. Nach dem Abschluß
ihrer Ausbildung beginnt sie als Gemeindediakonin in einer freien Gemeinde in Gießen.
"Im Funk hat´s gefunkt!"
Bettina wechselt nach einem Jahr in die Musikredaktion des Evangeliums-Rundfunks (ERF)
in Wetzlar. Als Sekretärin fühlt sie sich lange Zeit geschätzt und geachtet und kann
ihre organisatorischen Stärken voll ausspielen.
In dieser Zeit lernt sie auch ihren Mann Rainer kennen, der in der Rundfunkredaktion des
ERF wenige Monate vor ihr angefangen hat. Es ist Liebe auf den ersten Blick.
Eine neue Aufgabe als Farbberaterin
Nach sieben Jahren als Sachbearbeiterin im ERF
sucht Bettina eine neue Herausforderung.
Bei diesen Überlegungen kommt Rainer seine Farbberatung in den Sinn, die ihm Bettina zu
Weihnachten geschenkt hat, weil er als Fernsehmoderator unsicher war, welche Farben ihm
als Rothaarigen stehen. "Warum wirst Du nicht Farbberaterin", fragt er sie
"und hilfst anderen Frauen, ein neues Selbstbewußtsein zu entwickeln?"
Der Vorschlag gefällt Bettina so gut, daß sie sich für einige Ausbildungskurse anmeldet
- unter anderem in der Schweiz.
Die Nachfrage steigt
Farben und Menschen - das ist ganz ihre Sache. Bettina blüht bei jeder Beratung mehr
auf und genießt es sichtlich, Frauen und auch Männern weiterzuhelfen. Auch ihr eigenes
Selbstwertgefühl wird neu gestärkt. Bettina entdeckt, daß die Typberatung ganz ihrer
Begabung entspricht, und bildet sich selbst ständig in ihrem Metier weiter. Bereits im
folgenden Jahr verfaßt sie mit ihrem Mann das Buch "Bekennen Sie Farbe" - das
zu einem echten Bestseller wird. Daraufhin kommen immer mehr Anfragen aus dem ganzen
Bundesgebiet. Die Kunden nehmen sich einen Tag Urlaub und reisen sogar aus Lübeck und
München an, um von Bettina beraten zu werden.
Wer kann ausbilden?
Diese neue Nachfrage kann Bettina selbst gar nicht mehr befriedigen. Zudem wollen
immer mehr Frauen selbst Beraterin werden und suchen nach einer geeigneten Ausbildung.
Aus diesem
Grund schlägt Rainer vor, selbst eine Schule zu gründen - zumal sie mit dem eigenen
Namen "TypColor" bereits im christlichen Bereich bekannt sind.
Mit großem Bangen wagen sie 1994 den Schritt und bilden die ersten acht Frauen aus. Dabei
haben sie als Christen den Anspruch, ihren Beraterinnen mehr Qualität und Sicherheit zu
vermitteln. Deshalb entscheiden sie sich für eine zwölftägige Ausbildung - das längste
Training in Deutschland, und für eine schriftliche und praktische Prüfung zum Abschluß.
Schließlich soll jede Beraterin, die künftig unter TypColor firmieren würde, wirklich
kompetent und qualifiziert beraten können.
"Ich bin wunderbar gemacht..."
Durch die Ausbildung ändert sich das Leben einiger Beraterinnen sehr einschneidend.
Eine junge Frau aus Sachsen, die jahrelang unter Depressionen gelitten hat, bekommt durch
das Seminar soviel Selbstbewußtsein, daß ihr Mann später glücklich über die heilsame
Veränderung berichtet. Heute hält sie zahlreiche Vorträge in ihrer Region unter dem
Motto von Psalm 139: "Ich danke dir, daß ich wunderbar gemacht bin...".
Gegenseitige Unterstützung
Ein großer geistlicher Aufbruch im gesamten Team beginnt im März 1997 beim Jahrestreffen
aller Beraterinnen. Bis zu diesem Zeitpunkt hat Bettina bereits 100 Frauen in Deutschland,
Österreich und der Schweiz ausgebildet.
An diesem Wochenende verabschieden die Frauen ihre gemeinsame Vision - als Leitspruch
ihrer Arbeit: "Wir unterstützen Frauen und Männer im deutschsprachigen Raum, ihre
von Gott gegebene Schönheit zu entfalten. Durch eine persönliche Typberatung helfen wir
unseren Kunden, ein gesundes Selbstwertgefühl aufzubauen."
Wie entspannt man richtig?
Die Aufbauphase von TypColor macht Bettina unglaublich viel Spaß, kostet aber auch
viel Kraft. In ihrem Elternhaus hatte sie nicht gelernt, für die nötige Entspannung
neben der Arbeit zu sorgen. Eine Eigenart von ihr ist zum Beispiel, nach einem zwölftägigen
Seminar "zur Entspannung" zuerst einmal die ganze Seminarwohnung zu putzen.
Rainer entführt sie deshalb jedes Jahr zu einer vierwöchigen Reise, um sie bewußt aus
der Anspannung des Alltags zu holen.
Ohne Manuskript in ihrem Element
Die Rollenverteilung von Bettina und Rainer kristallisiert sich mit der Zeit immer
deutlicher heraus. Bettina ist für die Vorträge und Seminare zuständig, während er im
Hintergrund für den reibungslosen Ablauf sorgt. Als Fernsehjournalist steht er oft genug
vor der Kamera, deshalb praktizieren sie bei TypColor den Rollentausch: "Bettina
steht auf der Bühne und ich halte den Scheinwerfer."
Ob bei Frühstückstreffen oder bei Firmenseminaren - vor Publikum ist Bettina in ihrem
Element. Sie hat nie ein Manuskript - egal, wie groß die Zuhörerschaft ist. Im Vertrauen
auf Gott jongliert sie mit Farben und Worten mit Energie und einem Charme, der kaum einen
Zuhörer unberührt läßt.
Wie mit den Fingern in der Steckdose
Bettina hat eine unglaubliche Kraft - Rainer sagt immer: "Ich habe das Gefühl,
sie schläft nachts mit den Fingern in der Steckdose!". Dabei ist sie sehr direkt,
Diplomatie ist nicht ihre Sache: Sie sagt vielen geradeheraus ihre Meinung - ganz gleich,
ob es ihnen paßt oder nicht.
Für die Mitarbeiter ist es immer erstaunlich, daß Bettina keine "Geheimnisse"
für sich behält - etwa nach dem Motto "Wissen ist Macht". Sie will, daß
"ihre Frauen" möglichst genauso gut sind wie sie, deshalb verrät sie ohne
Scheu alle Tricks und Kniffe, die sie sich über die Jahre angeeignet hat.
Diagnose Lungenkrebs
Ende 1997 kommt sie in eine tiefe Krise, als sie am 5. Dezember mit der Diagnose
Lungenkrebs konfrontiert wird. Ein halbes Jahr lang hat sie einen Arzt nach dem anderen
konsultiert - ohne Ergebnisse. Ihre zunehmende Kraftlosigkeit wird als
"Burn-out" diagnostiziert, bis schließlich eine Lungenaufnahme den
schrecklichen Befund ans Licht bringt. Im Kopf, in den Lymphknoten und der Leber haben
sich bereits Metastasen gebildet - die Krankheit ist bereits im fortgeschrittenen Stadium.
Die Prognosen der Ärzte rangieren zwischen wenigen Wochen und einem halben Jahr.
Ist das das Ende?
Die Diagnose Krebs ist für beide ein schwerer Schlag - zumal Rainers Mutter an Krebs
starb, als er gerade elf Jahre alt war. Doch Bettina akzeptiert ihre Krankheit schnell -
ungewöhnlich schnell -, und auch den möglichen Tod. Bereits Ende Januar 1998 hat sich
die Krankheit so zugespitzt, daß beide ein schnelles Ende befürchten. Durch die
Chemotherapie hat Bettina in Kürze alle Haare verloren, und die hohen Cortisonmengen
entstellen ihr Gesicht. Um die starken Schmerzen zu dämpfen, braucht sie täglich drei
Morphiumspritzen, und ohne Hilfe kann sie sich nicht mehr alleine waschen oder auf die
Toilette gehen.
In dieser akuten Situation lädt Rainer Familie und Freunde zu einem Dankgottesdienst ein.
Bettina ist innerlich heil
Rund 600 Menschen kommen,
darunter auch ein Großteil der 170 TypColor-Beraterinnen, die Bettina in den
zurückliegenden Jahren selbst ausgebildet hat. Gemeinsam loben sie Gott und danken ihm
für seine Führung in den zurückliegenden Ehejahren. Die Zuhörer spüren an Bettinas
Vortrag, daß sie innerlich heil geworden ist. Danach bitten sie Gott - wie bei Hiskia in
2. Könige 20 -, Bettinas Leben um weitere 15 Jahre zu verlängern. Anschließend gibt
Bettina die Verantwortung für die TypColor Akademie an Rainer ab und segnet ihn für
diese Aufgabe.
Nach dem Gottesdienst geht es Bettina trotz Chemotherapie und Bestrahlung von Woche zu
Woche besser. Sie kann wieder alleine laufen und auch auf die starken Schmerzmittel
verzichten - das ist für beide ein echtes Wunder Gottes. Zudem ist der eigentliche Tumor
in der Lunge verschwunden!
Der Krebs wächst wieder
Leider verschlechtert sich die Lage im Sommer 1998. Rainer kündigt beim ERF, um sich
ganz seiner Frau und auch der Aufgabe von TypColor widmen zu können. Während die
Metastasen im Kopf und den Lymphknoten zeitweise zurückgegangen waren, scheinen sie
plötzlich wieder zu wachsen. Und auch in der Leber nehmen die Krebszellen zu.
Trotz der deprimierenden Diagnose
entscheiden sich beide, Ende August zu einer Kreuzfahrt aufzubrechen, für die sie sich
noch in der gesunden Zeit vor einem Jahr entschieden hatten. Es ist ihnen bewußt, daß es
ihre letzte gemeinsame Reise sein könnte. Begleitet von vielen Gebeten erleben sie eine
intensive Fahrt von Montreal nach Chicago, der Stadt, die beide so heiß und innig lieben.
Bettina hat an Bord noch einmal die Gelegenheit, vor 100 Gästen ihre Lebensgeschichte zu
erzählen und von Gottes Eingreifen in ihrem Leben zu berichten. Etliche Besucher
verlassen tief bewegt den Raum, weil Gott sie durch Bettina in ihrem tiefsten Inneren
angesprochen hat.
Mit einem Lächeln auf dem Gesicht
Nach der Kreuzfahrt geht es mit Bettina rapide bergab. Sie wird immer schwächer und
kann fast gar nichts mehr essen. Von Tag zu Tag kann Rainer beobachten, wie auch ihr
geistiger Zustand immer schlechter wird: Das Sprechen bereitet ihr immer mehr Probleme,
sie kann nicht mehr lesen und wenig später nicht einmal mehr ihren eigenen Namen
schreiben. Sie hat keine Kraft mehr, um aufzustehen oder sich alleine im Bett zu drehen. Für ihre Eltern, die sie täglich betreuen,
und auch für Rainer ist es eine deprimierende Erfahrung zu beobachten, wie schnell die
einstige Powerfrau schwach und kraftlos geworden ist. Doch auch im Angesicht des
körperlichen Zerfalls beten sie täglich um Gottes Eingreifen und trauen ihm ein Wunder
zu.
Am 12. Oktober 1998 um 21 Uhr schläft Bettina schließlich nach einem schweren Kampf mit
einem Lächeln auf dem Gesicht für immer ein.
Nachwort: Ein einmaliger Mensch
Ist Bettinas Geschichte etwas Besonderes? Gibt es nicht viele, auch jüngere Menschen,
die jeden Tag an Krebs sterben? Wer spricht von ihnen?
Bettina Wälde war ein einmaliger Mensch, wie jeder Mensch einmalig ist: Es gibt
niemanden, nicht einmal bei Zwillingen, der einem anderen Menschen genau gleicht. Gott hat
jeden von uns als etwas Besonderes geschaffen.
Bettina war sich dessen bewußt und hat anderen Frauen und auch Männern geholfen, ihre
Einzigartigkeit zu entdecken, zu bejahen und zu leben. Sie vermittelte die Würde, die
jeder Mensch als Gottes Geschöpf hat - über die richtigen Farben und Kleidungsstile
hinaus.
Ihre Geschichte ist ein Beispiel dafür, daß Menschen Kraft für ihr Leben schöpfen
können, wo sie selbst keine Kraft mehr haben - aus der größten Kraftquelle des
Universums, bei dem einen Gott.

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